Ein Monat mentaler Weißraum

 

Vor genau einem Monat startete ich mein Experiment zum mentalen Weißraum. Das Apollo-Programm, wie ben_ es genannt hat, läuft und zeigt seine Wirkung. Bis jetzt sehr zu meiner Zufriedenheit.

Banal gesagt: während @A schläft, erst alles im Haushalt zu erledigen, dann sich einem Buch widmen - das ist wunderbar entspannend. Ich merke, wie sich die verspannten Schultern und der Rücken allmählich lockern. Und nicht nur das.

Was sich allmählich ändert:

  • Ich komme zur Ruhe. Die Hibbeligkeit, das Neueste wissen zu müssen, ist kleiner. Überhaupt werde ich entspannter und gelassener.
  • Ich komme mehr dazu, praktische Aufgaben für Lebensorganisation und Alltag zu erledigen.
  • Ich nehme die Umwelt wahr. Das gilt insbesondere für die Natur und Menschen, denen ich im Alltag begegne.
  • Meine Sinnesorgane schärfen sich. Ich höre besser, entfernter, feiner. Genauso mit dem Geruchs- und dem Geschmackssinn.
  • Mein Gedächtnis wird besser. Ich erinnere mich plötzlich wieder an Liedertexte, die ich mit 14 lernte und mit 18 vergaß. Ich brauche oft keinen Einkaufzettel mehr.
  • Ich lebe viel mehr im Hier und Jetzt. Das Leben in der Gegenwart ist sorgenfreier. Ich mache mir weniger Sorgen um Probleme, die wahrscheinlich gar nicht auftreten werden, und schleppe weniger Sorgen mit mir über Probleme, die schon längst gelöst wurden.
  • Mir fällt es leichter, über mittelfristige Pläne nachzudenken und dafür Entscheidungen zu treffen.
  • Ich komme zum Lesen, und beim Lesen voran (was schon ewig nicht mehr der Fall war)
  • Und ich erlebe oft das Gefühl, genau jetzt am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun.

Überraschenderweise hilft mir ausgerechnet das iPad (für die meisten ein Konsum-Gerät), Aufgaben im Netz schnell abzuhaken und das Netz wieder beiseite zu legen. Ich komme erst gar nicht in die Versuchung, auch mal eben da- und hierhin zu surfen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich dieses Gerät in die Hände bekam, als das Apollo-Programm schon lief, und sich also alte PC-Gewohnheiten nicht übertrugen.

Natürlich fehlt mir das Leben im Netz ein wenig. Ich denke auch, dass es mittelfristig Folgen haben wird, weil ich evtl. wichtige Entwicklungen im Netz nicht mehr mitbekomme. Ein wenig was kriege ich ja durch meine Freunde mit - das Wichtigste, hoffe ich.

Jedenfalls spricht wenig dagegen, erst einmal auf dem Mond zu bleiben.

Nur das Schreiben ins Netz, das fehlt mir, das fehlt mir sehr. Der Verzicht darauf ist aber auch nicht Teil des Apollo-Programms, sondern schlicht eine temporäre Umverteilung der körperlichen und geistigen Kapazitäten. Wird sich vielleicht wieder bessern, wenn @A mal wieder einen Wachstumssprung hinter sich hat.

Comments:

fym am 2010-07-13

Das Schreiben ins Netz übernimmt hier ja für dich leider derzeitig irgendein Spambot. Und das nicht zu knapp.


Konstantin am 2010-07-13

Aber hallo.
Wieder mal Mollom angeschmissen und Sodom leider wieder ausrangiert.


Sebastian am 2010-07-13

Das klingt wirklich überzeugend. Ich werde den Urlaub ab Freitag auch mal wieder nutzen um ganz bewusst abzuschalten. In der nächsten Phase Deines Experiments fehlt ja eigentlich nur noch der Umzug auf's Land, oder? ;)


ben_ am 2010-07-13

Konstantin: Das ist schwer beeindruckend. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich bin platt. Das hatte ich so nicht erwartet. Es wird dringend Zeit, dass wir uns mal wieder sehen.

Ich hab mir mal erlaubt, den Text flux in einem Kommentar bei Netzwertig zu hinterlassen.


Konstantin am 2010-07-13

@Sebastian: Hm, eigentlich fühle ich mich in der Stadt, gerade in meinem Viertel sehr wohl. Der eigene Garten fehlt zwar ein wenig, aber andererseits: im Park muss ich den Rasen nicht ständig mähen.
Die nächste Phase ist geht in eine andere Richtung. Aber davon berichte ich am besten, wenn es so weit ist.


Konstantin am 2010-07-13

@ben_: Ich glaube der Netzwertig-Artikel hat nur vordergründig mit dem zu tun, worauf ich abziele. Ich bin nicht offline. Ich bin ständig online, immer dann, wenn ich es brauche. Ich habe nur meine Nachrichtenzufuhr radikal gekappt, und da das Internet nunmal mein Medium der Wahl bei der Nachrichtenzufuhr ist, lese ich weniger im Netz.
Ich glaube nicht, dass das Internet auf dem absteigenden Ast ist. Es ist Alltag. Ein Verzicht darauf ist schon heute mühsam und blödsinnig noch dazu. Und je mehr Konzepte für das Netz anhand von Nutzerbedürfnissen gemacht werden, desto unscheinbarer wird das Netz im Alltag.
Außerdem ist das Netz sozial, wenn wir es wollen. Es war sozial angelegt von Anfang an. Ob Facebook besteht oder untergeht ist nur relevant in Hinblick auf die Nachhaltigkeit der Daten, die dort ausgetauscht werden. An dem "Social" des Netzes wird sich vor und nach Facebook nichts ändern, sondern nur, wenn sich die Einstellung in unseren Köpfen ändert. Ich meine: ins Netz schreiben und kommentieren, das kann von "unsozial" kaum weiter entfernt sein.


ben_ am 2010-07-13

Ja. Naja. Ich meine … bei Netzwertig war das ja auch schon ein bisschen tendetiös formuliert. Ich bin mir nicht sicher, ob das bei Martin Weigert Absicht war, oder ob er das einfach anders verstanden hat.

Trotzdem glaube ich, dass das, was Du neuerdigns machst, das was ich nerudings mache und was der Horx da redet einen gemeinsamen Kern hat. Das Pendel ist an einem Scheitelpunkt angekommen und jetzt gibt es eine Bewegung in die andere Richtung.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es kann um Askese um der Askese Willen. Gerade Deine in diesem Artikel festgehaltenen Erfahrungen zeigen ja, dass es einem Zweck folgt. Und dieser Zweck ist eben nicht, offline zu sein, sondern dann und so online zu sein, wie es am besten zum Rest jenes Lebens passt, dass Du führen willst.
Das Internet ist für uns in dem Sinne nicht auf dem absteigenden Ast. Wir schärfen lediglich seinen Fokus für unsere Zwecke.
Und mindestens genauso wichtig: Damit sei eben kein Urteil gefällt, wie es Horx tut und wie man es anderswo auch herauslesen kann: Soll jeder sein Zeit vertreiben wie er mag.

Und "Social Media" halte ich so oder so für ein sinnentleerte Worthülse. Da hast Du völlig recht. Das Netz ist immernent sozial. Schon immer gewesen. Ein many-to-many Medium kann gar nicht anders.


Thomas am 2010-07-13

Schön, der erläuternde / ergänzende Kommentar #3623!


schwesterchen am 2010-07-13

kleine randbemerkung:
ich hatte mal wieder recht. siehe kommentar von vor 2 wochen. habe ich nicht prognostiziert, dass du höchstens 2 wochen ohne zu bloggen auskommst?!
es ist schon interessant, dass du jetzt - dank @A?!- dich vom ständigen onlinesein distanzierst. würdest du mal häufiger deine schwester sprechen, die könnte dir zeigen wie man effizient 20min/tag im netz verbringt.
... naja, du hast schon damals lieber dem rechner zugehört ;)


ben_ am 2010-07-13

"... naja, du hast schon damals lieber dem rechner zugehört"

Wie kuhl ist der Kommentar mal bitte?!
Wir sind die Rechnerlauscher. Wir hören den Relais beim Klackern zu und den Festplatten beim Lesen und Schreiben. Ich horchen den Laufwerken und Lüftern.


Konstantin am 2010-07-13

@schwesterchen: Na dann fühle ich mich total geehrt, dass Du innerhalb der 20 Minuten Dir die Zeit nimmst, mein Blog zu lesen und zu kommentieren! Immer wieder schön Dich hier zu lesen.


Konstantin am 2010-07-13

Übrigens glaube ich, dass sich das "dem Rechner zuhören" durchaus gelohnt hat. Schließlich würde ich jetzt nicht euroweise Geld mit dem verdienen, was ich kiloweise beim Zuhören gelernt habe ...


schwesterchen am 2010-07-14

mh, eure interpretationen meines kommentars klingen ja ganz romantisch, ich bin ganz entzückt.
ich dachte da eher an die momente, in denen ich um des lesens willen dir vorgelesen habe und du sagtest "du weißt, ich höre dir eh nicht zu" (während du am rechner tipptest) .... vielleicht war es das, was mich zur bühne gebracht hat? ;)

und was deinen blog angeht... wenn du postest, dann kriege ich eine mail und mails müssen ja bearbeitet werden ;)
ein geschickter schachzug von dir.


Konstantin am 2010-07-17

Von Tamim eben im ersten Mentaler-Weißraum-Artikel gepostet:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,ausg-4724,00.html

Ach, das machen die doch nur, damit ich mir diese Spiegelausgabe kaufe. Mach ich gleich am Kiosk.


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Mentaler Weißraum

Ein Experiment, bei dem ich den Input an Nachrichten aus dem Netz radikal kürze.

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