Raster- und Design-Philosophie
2009-12-04
Der Gebrauch des Rasters als Ordnungssystem ist Ausdruck einer bestimmten Haltung, indem der Designer seine arbeit in konstruktiver und zukunftsorientierter Weise auffasst. Dies ist Ausdruck eines Berufsethos: die arbeit es Designers soll auf mathematischer Denkweise, klar, transparent, sachlich, funktionell und ästhetisch sein. Die arbeit soll damit ein Beitrag an die allgemeine Kultur, sie soll selbst ein Teil der Kultur sein. Durch eine konstruktive, analysierbare und nachvollziehbare Gestaltung können der Geschmack der Gesellschaft, die Form- und Farbkultur einer Zeit beeinflusst und gehoben werden. In der sachlichen, dem Allgemeinwohl verpflichteten, gut komponierten und kultivierten Gestaltung liegen die Voraussetzungen für demokratisches Verhalten. Die konstruktivistische Gestaltung bedeutet Umsetzung gestalterischer Gesetze in praktische Lösungen. In strenger formaler und systematischer Arbeit sind die Forderungen nach Offenheit, Transparenz und Verflechtung aller Faktoren, die auch im politischen Leben der Gesellschaft von erstrangiger Bedeutung sind, enthalten. Mit dem Rastersystem arbeiten bedeutet, sich universell gültigen Gesetzen unterzuordnen. Die Anwendung des Rastersystems versteht sich alsJede visuelle, kreative Arbeit ist eine Manifestation des Charakters des Gestalters. In ihr schlägt sich sein Wissen, Können und seine Gesinnung nieder.
- Wille zur Ordnung, zur Klarheit
- Wille, zum Wesentlichen vorzudringen, zur Verdichtung
- Wille zur Objektivität, anstelle der Subjektivität
- Wille zur Rationalisierung der kreativen und der produktions-technischen Prozesse
- Wille zur Integration der formalen, farblichen und materiellen Elemente
- Wille zur architektonischen Beherrschung der Fläche und des Raumes
- Wille zur positiven, zukunftsorientierten Haltung
- Anerkennung der erzieherischen Bedeutung und Wirkung konstruktiv und kreativ gerstalteter Arbeiten.
Was meine Wurzeln sind all about.
Absatz aus der Einleitung zum Buch "Rastersysteme für die visuelle Gestaltung. Ein Handbuch für Grafiker, Typografen und Ausstellungsgestalter und Webdesigner" von Josef Müller-Brockmann, 1981.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie stark sich Designer scheinbar selber in einem Rechtfertigungsdruck sehen, mit Raster zu arbeiten. Als gäbe es keine jahrhunderte alte Kulturtradition auf der sich auf die Arbeit mit dem Raster stützt. Ich empfehle hier dringend die Lektüre von "Zahl, Maß und Proportion in der abendländischen Baukunst.", was nichts anderes ist als ein historischer Rückblick auf die Verwendungsgeschichte von Rastern in der Architektur. Raster sind dort zu jeder Zeit soviel mehr gewesen als nur die Unterordnung unter "universell gültigen Gesetze" und Ausdruck eines Berufethos. Raster sind mehr als Werkzeuge. Sie sind Ausdruck und Spiegel unserer Überzeugungen und unseres Glaubens. Sie sind die Erzählungen der Graphiker.