Sehnsucht nach digitaler Heimat

 

In der Vergangenheit begegnete mir der Begriff "Heimat" in der Regel im Kontext meiner eigenen Vergangenheit und der meiner Freunde (Etwa bei den Austauschstudenten in Dänemark: "Ich habe Heimweh").

Im Buch "Seelenleben" von Till Basitan stieß ich neulich auf einen interessanten Ansatz, welche Heimat ein Mensch generell, unabhängig von seinem soziokulturellen Hintergrund, haben kann - eine Heimat, die der Seele gut tut. Darauf komme ich nachher zu sprechen.

ben_

Geboren am gleichen Tag, nur 5 Jahre früher, ist der Demütige ein steter Kämpfer für Anmut und Demut.

In letzter Zeit beobachte ich Ben dabei, wie er sich zielstrebig von komplexen digitalen Systemen löst und was ihn antreibt. Und ich frage mich, ob es nicht eine Parallele zwischen der seelischen Heimat und dem ist, worauf Ben hinaus will. Vielleicht steht am Ende also eine digitale Dimension der Heimat?

Der Durchmarsch der Simplexität

Mit neuen Geräten und neuen Systemen wird es scheinbar immer einfacher, in den Genuss reichhaltiger Erlebnisse zu kommen. Wir müssen uns immer weniger Gedanken um das "wie" machen, sondern wählen das "was" aus, zahlen ggf. ein paar Cent, und schon steht das Erlebnis für uns bereit.

iTunes

Ursprünglich ein Programm zur Verwaltung von Musik auf dem iPod, ist es längst Apples Tor zu Musik, Filmen, Serien und Apps. Ein Content-Lieferant, und Gelddruckmaschine obendrein.

Ein Beispiel ist das Musikhören über Apple. Ich gehe in den iTunes-Store, wähle ein Album aus, drücke auf "kaufen", und schon wird der Rest für mich erledigt, damit ich die Musik in wenigen Augenblicken genießen kann. Die Stücke werden auf das iPod geladen, wo sie geordnet und mit hübschen Cover-Bildern versehen sind. Das iPod zu bedienen ist eine Freude, dieses Gleiten durch die Alben, und dann wird die Musik auch schon abgespielt. Schön. Einfach. Einfach schön. Ein Genuss.

Facebook

Proprietäres, geschlossenes Social Network, das zur Zeit große Popularität genießt, nicht zuletzt wegen seiner einfachen Bedienbarkeit.

Aufmerksamkeit

Eine der zentralen Währungen des digitalen Zeitalters.

Ein anderes Beispiel ist Facebook. Noch nie war es einfacher, ein Erlebnis mit seinen Freunden zu teilen. Facebook auf, sofort die Zeile "Habe eben Til Schweiger auf der Straße getroffen" getippt und das Foto angehängt, schon wissen meine Freunde bescheid und überschütten mich mit Aufmerksamkeit.

Die heutigen Systeme, die solchen Genuss ermöglichen, sind bei weitem nicht einfach, sondern hoch komplex. Die Komplexität wird allerdings vom Benutzer auf die Software, die Redakteure und Administratoren übertragen. Diese Stufe der Evolution ist die letzte in dem Spruch, der üblicher weise Antoine de St.Exupéry zugeschrieben wird:

Technologie entwickelt sich immer vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen.
User Experience

It is the holistic experience that a user has with a service or a product, integrating all media, artefacts and contexts.

Im Fachjargon nennen wir dieses "Einfache" die Simplexität. Die Freude und Einfachheit der Benutzung ist dabei eines der zentralen Ziele. Und die Disziplin, die sich darum kümmert, heißt User Experience Design, also die Gestaltung von (tollen) Erlebnissen beim Nutzen eines Produktes, Services, einer Website usw.. User Experience Design ist Teil meines derzeitigen Jobs.

Der Preis der Simplexität

Diese einfachen Systeme haben, zumindest in ihrer heutigen Architektur, meist einen Preis.

Erstens besteht für den Nutzer der Preis darin, langfristig an das System gebunden zu sein, weil er seine Daten nicht mehr heraus bekommt.

DRM

Steht für "Digital Rights Management", und ist eine Kastrierung von z.B. Musikdateien, sodass sie nicht mehr frei auf jedem Gerät abgespielt werden, sondern nur dort, wo sie gekauft wurden. Der Versuch der Musikindustrie, Nutzungsrechte zu begrenzen und so ihre Pfründe zu verteidigen.

Am Beispiel von Apples iTunes sind die Musikstücke teilweise DRM-verschlüsselt, also nicht auf jedem Gerät abspielbar. Und selbst wenn, kommt man nicht an die Dateien, ohne zu recherchieren, wo und in welcher Struktur die Musikdateien überhaupt abgelegt werden. Das hat für den Otto-Normalverbraucher zur Konsequenz, dass er an iTunes gebunden ist. Wenn der Rechner kaputt geht und man die Musik aus dem iPod bekommen möchte, geht das meines Wissens nach gar nicht. Apple-Kritiker sagen deshalb nicht zu unrecht: Es ist teuer, zu Apple zu wechseln, und noch wesentlich teurer, von Apple wieder loszukommen.

AOL

Früher ein Stern am Himmel und ein Gigant des Sozialen Webs ist dieses Community-Portal inzwischen tot. Ein Zeichen für die Vergänglichkeit einzelner Plattformen.

Schlimmer noch verhält es sich mit Facebook. Jegliche Inhalte, also Statusmeldungen, Kommentare, Fotos, aber auch die aufgebauten Beziehungen zu anderen Menschen sowie Gruppen lassen sich nicht aus Facebook exportieren. Das könnte der Mehrheit der Nutzer egal sein, wenn die Kommunikation unwichtig ist. Meine Freunde, die Lehrer geworden sind, wissen, wie unangenehm z.B. Fotos von früheren Studentenparties sein können, wenn sie erst einmal von den Schülern gefunden werden. Aber auch in alten Konversationen nachzugucken ist des ein oder anderen Wunsch. Nun könnte man sagen "Facebook wird's doch immer geben", wenn es nicht mit dem Dichtmachen von AOL Beispiele in der Branche geben würde, die die Vergänglichkeit von einzelnen Plattformen bezeugen.

Zweitens kommt hinzu, dass man die Software, die Inhalte, also die Musik oder die Konversationen verwaltet, pflegen und weiterentwickeln will und muss. Für iTunes-Nutzer mündet das in kontinuierlichen Updates, ohne die die Songs u.U. nicht mehr abspielbar sind. Bei Facebook kann es dazu führen, dass Inhalte ganz oder teilweise nicht mehr erreichbar sind, wenn das Unternehmen aus Mangel an Ressourcen die Plattform nicht mehr weiterentwickelt oder ganz einstellt. Dem Gesetz der Entropie folgend, beanspruchen immer komplexere Systeme auch einen exponentiell wachsenden Aufwand an Kraft (sprich Manpower und Geld), um sie "in Ordnung" zu halten.

Mein jüngstes Beispiel ist das neue Betriebssystem für das iPhone, das iOS 4. Es ist für das neueste iPhone 4 gemacht und verlangt seinen schnellen Prozessor. Auf meinem alten iPhone 3G läuft es aber qäulend langsam. Trotzdem war ich gezwungen das Update auf iOS 4 zu machen, und kann nun noch nicht einmal wieder das alte drauf spielen.

Die Frage, die man sich stellen kann ist: Will ich diese Abhängigkeit?

Seelische Heimat

Der Genuss der Erlebnisse ist demnach unter Umständen eher kurzfristiger Natur, bei dem man als Konsument von anderen abhängig ist und die Abhängigkeit sich immer wieder erneuert. In der Psychologie wird darüber z.B. folgendes gesagt:

Das postmoderne Individuum ist ruhelos und getrieben von der endlosen Suche nach Anerkennung und Selbstachtung und von der Suche nach Mitteln und Lehrern zur Verstärkung, Vertiefung und Intensivierung der Gefühle, die bedingt ist durch seinen steigenden Appetit nach immer intensiveren Erfahrungen und immer neuen Erlebnissen. Es leidet an einem chronischen Mangel an Ressourcen zum Aufbau dauerhafter Identität."
Scharsad Amiri, "Narzissmus im Zivilisationsprozess"

So kommt es, dass wir Dinge konsumieren und der Aufmerksamkeit anderer Menschen nachjagen.

Dem entgegengesetzt steht das Konzept der Heimat. Heimat wird in dem Buch "Seelenleben" als etwas beschrieben, auf das wir uns immer wieder zurückberufen, zurückziehen können. Dies ist unabdingbar, wenn man seelisch gesund sein will. Interessanter weise ist es weder der Ort, in dem man aufwuchs, noch der Freundeskreis. Um einen Rückzugsort und einen Ankerpunkt zu haben, auf den man sich zu jeder Zeit und in jeder seelischen Verfassung zurückberufen kann, muss es auch etwas sein, das von anderen Menschen und von Dingen unabhängig ist.

Yoga

Vor allem ein Werkzeug: durch die Wahrnehmung, Bewusstwerdung und Beherrschung des Körpers kommt es zum selbigen des Geistes. Hab ich noch nicht ausführlich getestet.

Der Autor Till Bastian kommt zu dem Schluss, dass es nur der eigene Körper und die Natur sein können. Leider muss man sich beide erst zur eigenen Heimat machen. Man muss sowohl den Körper als auch die Natur erst einmal kennenlernen, was ohne Anstrengung nicht möglich ist. Ob autogenes Training, Yoga oder andere Wege, erst die Mühe führt zur Kenntnis und Verbundenheit zu beiden und hilft so, nachhaltig freudig und gesund zu leben.

Die "Mittel zur Verstärkung" im ruhelosen Konsumieren sind in der Regel Technologien, mit denen wir uns immer mehr umgeben und somit eine immer weitere Distanz zwischen uns Menschen, dem direkten Kontakt zu anderen Menschen und der Natur aufbauen.

Digitale Heimat

Wenn wir nun den digitalen Aspekt unseres Lebens betrachten, was wäre das Äquivalent zur allgemeinen seelischen Heimat? Wie errichtet man sich einen Rückzugsort, der immer (oder zumindest einen Großteil seines Lebens) verfügbar ist? Ben führt hier den Begriff der digitalen Nachhaltigkeit ein.

Nachhaltiges Agieren im digitalen Raum beruht auf folgenden Prinzipien:

  1. Mein Inhalt ist mein Inhalt. Das bedeutet, dass jegliche Inhalte, die ich entweder erstanden oder selbst erstellt habe, sich in meiner Hand und unter meiner Kontrolle befinden, jederzeit.
  2. So wenig Code zwischen mir und meinem Inhalt wie möglich. Jede Zeile Code mehr, die den Benutzer/Besitzer von seinem Inhalt trennt, will aktualisiert, überarbeitet, umgeschrieben, werden. Wie bereits beschrieben wächst hier die Komplexität exponentiell.
  3. Verschlichtere Dich Man verzichtet freiwillig auf Komfort oder komplexe Technik, und begnügt sich mit wenigen Funktionen, ohne die man gar nicht auskommen würde.

Daraus ergeben sich in Konsequenz folgende Aspekte, die die Software und den Umgang mit Inhalten diktieren:

  • Offene Standards als Basis Damit die Inhalte auch ferner Zukunft lesbar sind, setzt man beim Speichern, Aufbewahren und "abspielen" auf Standards, von denen man jetzt ausgeht, dass sie noch lange Bestand haben. (Natürlich kann einem das keiner versichern).
  • So simple Systeme wie möglich Programmatisch gesehen sollte nach Möglichkeit erst gar keine Logik (also kein programmierter Code) zwischen den Daten und dem Nutzer/Besitzer stehen. Und wenn, dann so wenig wie möglich. Das hat zur Konsequenz, dass man als Nutzer/Besitzer ganz genau abwägen muss, welche Funktionen man - etwa zum Aspielen der Musik - überhaupt wirklich braucht. Braucht man wirklich Ranking-basierte Playlists? Braucht man eine Filterung nach Genre? Oder genügt nicht auch das einfache Abspielen eines Albums?
  • Dateien als simpelste Speicherform Betrachtet man die oberen Aspekte, drängt sich die Frage auf, ob man nicht den Großteil der Speicherung und Verwaltung von Inhalten über standardisierte Dateien erledigen kann. Diesen Ansatz versucht Ben gerade konsequent zu verfolgen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass geordnete Dateien bei mir bis jetzt am besten überlebt haben, sei es bei Musik, bei Fotos oder bei Druckdaten von Designarbeiten.

Wenn ich nun diese digitale Nachhaltigkeit vergleiche mit den Prinzipien der seelischen Heimat, werden da durchaus Parallelen sichtbar. Immer einen Zugriff zu den eigenen Daten zu haben, so wenig Technologie wie möglich zwischen sich und seinen Daten zu haben, nicht abhängig zu sein von (fremden) Systemen und anderen Entwicklern, das kann in der Tat auch der Seele gut tun.

Und noch eine weitere Gemeinsamkeit ergibt sich. Nehmen wir an, dass ich keine komplexen Systeme mit hervorragender Simplexität nutze, sondern so nahe an den Daten wie möglich "arbeite" (sprich, beim Bloggen z.B. direkt den HTML-Code schreibe, der auch direkt vom Browser verstanden und der Inhalt somit ohne weiteren Code sofort angezeigt wird). Dann werde ich initial lernen müssen, wie man HTML schreibt, und wie man Dateien verwaltet, und welche Standards man nutzen sollte usw. Das heißt, ich investiere erst einmal Mühe, bevor ich bei der "digitalen Heimat" ankomme. Parallel dazu muss ich Mühe investieren, um in der seelischen Heimat anzukommen, in dem ich den Körper und die Natur erst kennenlernen muss.

Vielleicht ist es also kein Zufall, dass Ben sein zukünftiges, einfaches Blogsystem "Heimweh" genannt hat.

Mein ambivalentes Leben

Marshall McLuhan

Was für ein erfrischend radikaler Medientheoretiker! Sein Buch "The Medium is the Message" ist eines meiner liebsten.

Auch wenn Marshall McLuhans Satz "Das Medium ist dei Botschaft" etwas anders gemeint war, mache ich häufig die Erfahrung, dass ein bestimmter Inhalt nicht ohne das zugehörige System funktioniert oder zumindest seine Charakteristika verliert. Ein einfaches Beispiel sind die grafischen Arbeiten im Design. Sie lassen sich zwar als druckbares PDF "kompilieren", aber das PDF kann man nicht mehr verändern. Die Rohdaten aber hängen am Programm: wenn ich heute nur noch InDesign nutze, sind meine früheren Freehand-Dateien unbrauchbar. Andererseits komme ich ohne ein Layout-Programm nicht aus, weil erst dieses es mir ermöglicht, das Layout, also die Gestaltung, zu machen. Ein einfacher Text würde zwar die Worte, aber nicht die Anmutung und somit nur einen sehr geringen Teil der Botschaft wiedergeben.

Ähnlich verhält es sich, wenn ich an konnexus.net denke. Die ständig aktuell gehaltenen Zusatzinformationen zu einem Artikel gehören ebenso als "Inhalt" zum Artikel wie der Artikeltext selbst. Würde konnexus.net nur die reinen Artikeltexte anzeigen, wäre die Botschaft schon in sofern eine ganz andere, als dass ich mich häufig auf Themenbeschreibungen verlasse und im Text nicht explizit darauf eingehe. Fallen die Themen weg, versteht man die Artikeltexte nicht mehr richtig.

Wenn ich generell meine Nutzung der digitalen Dinge und Daten betrachte, gehe ich durchaus den Deal ein, simplexe Systeme zu nutzen und dafür die Daten nicht völlig unter Kontrolle zu haben.

  • Ich nutze iTunes, da ich auch das iPhone, iPad und iPod nutze. Ich weiß inzwischen, wie iTunes Lieder verwaltet und wie man sie im Standard-MP3-Format hält. D.h. ich kann auf die Daten zurückgreifen, wenn ich sie "exportieren" will. Sie sind also als Dateien da.
  • Ich nutze Facebook, aber nicht wirklich als Konversationsplattform, sondern eher als Sprachrohr. Ich werden icht viel verlieren, wenn Facebook untergeht, da meine Inhalte im konnexus.net sind.

Drupal

Flexibles Framework/CMS, auf dem auch diese Site lief. Durch ben_ kennengelernt. Drupal wird oft für Communities verwendet.

Als Nicht-Entwickler ist es mir willkommen, dass sich einer um Nutzerfreundlichkeit und Freude am Nutzen den Kopf zerbricht. Dafür nehme ich auch Updates in Kauf. Schließlich nutze ich bei konnexus.net ja auch Drupal, bei dem ich auch nur rudimentär durchblicke.

Dann ist da noch die Frage, ob Dateien wirklich Menschen-gerecht sind. Ob es unserer Natur entspricht, Dateien zu verwalten, vor allem in Ordnern, darüber streiten sich die Experten wie Jef Raskin. Es gibt auch gute Gründe für Gegenentwürfe, die mir sehr charmant sind. Und nicht ohne Grund liebe ich als Werkzeug das iPad, weil ich dort eben keine Dateien verwalten muss. Ob da Jef Raskin nicht inoffizieller Vater des iPad-Interfacekonzeptes war?

Fazit

Zeit Online

Sie ist mir die liebste Online-Zeitschrift der Großverlage. Für sie hatte ich die Ehre zu arbeiten.

Was ich mir von der Zukunft erhoffe sind Systeme, die einerseits auf dem Konzept der Simplexität aufgebaut sind, andererseits als Kern die Prinzipien der digitalen Nachhaltigkeit beherzigen. Zeit Online zum Beispiel hat ihre ganzen Daten als für den Menschen lesbares XML gespeichert (das dem HTML sehr verwandt ist), und sollten die Redaktionsoberflächen völlig anders werden, kann man die Artikel immer noch prima nutzen. Apple wird Probleme haben, damit ein ähnlich starkes Businessmodell aufzustellen. Andererseits belebt die Konkurrenz das Geschäft. Was tatsächlich die digitale Heimat ist, wird noch definiert werden.

User Experience

It is the holistic experience that a user has with a service or a product, integrating all media, artefacts and contexts.

User Experience Design

Design of user experience is a big part of my job. Question is: where does user experience design stop and experience design start?

Und das Gute daran: Kraft meines Amtes liegt es in meiner Macht, auf digitale Nachhaltigkeit hinzuarbeiten, ohne dabei auf User Experience und Simplexität zu verzichten.

Was gibt es Schöneres, als die Welt verändern zu können? Da freue ich mich über Bens Imperativ:

Es wird Zeit, heimzugehen.

Comments:

Ben am 2010-07-17

Danke, mein Freund!
Ich bin sehr gerührt.


Konstantin am 2010-07-17

Na, mit so einem kurzen Kommentar kommst Du mir nicht davon, Ben. Oder gibt es nichts hinzuzufügen und nichts zu widersprechen?


Ben am 2010-07-17

Doch doch. Ich wollte nur der Erste Kommentator sein und meinen Dank auch erstmal ohne weiteres Drumrum stehen lassen.

So, dann jetzt mal zur Sache.
Als erstes und wichtigstes: Ich betrachte "Heimweh" als eine Lösung die zuerst einmal nur für mich funktioniert. Ich erlaube mir den Luxus, ein System aufzubauen, dass einzig und alleine auf meine Bedürfnisse, Ideale und Fähigkeiten zugeschnitten ist. Auch wenn zur Rechtfertigung und Erläuterung allgemeinger gehaltene Argumente vorbringe – am Ende steht und fällt alles mit mir. Das ist ein erheblicher Unterschied dazu wie ich bisher die Apple Semi-Closed-Produktlinie oder Facebook und Drupal eingesetzt und betrachtet habe.

Dann: Heimweh und mein Rückzug aus den Simplexen Systemen [danke für den Neologismus überigens] ist viel weniger eine Entwicklung, die mein 'heutiges ich' voran treibt, sondern etwas, das ich für mein mögliches morgiges ich tue. Heute sind wir jung Geeks und haben die Fähigkeiten und den Willen uns in die Details der Simplexen Systeme reinzufuchsen, nicht nur in der zweckgerichteten Anwendung, sondern auch in der nachhaltigen Pflege und in die Probleme der Migration.
Aber wir werden nicht jünger. Schon bald werde ich beruflich keine Zeile Code mehr schreiben. Und ich merke, wie meine Tolleranz, sich in solche Probleme reinzugeeken immer geringer wird. Ich bereite mich vor, auf jenen Tag, an dem ich die Simplexen Systeme entweder nicht mehr beherrsche oder nicht mehr beherrschen will, oder gar gezwungen werde, sie ad hoc zu verlassen.

Nebengeschichte: Es ist ja nicht so, als hätte ich das nicht schon erlebt. Songs im Gegenwert von 100 Euro, die ich bei Sonys Connect-Musik-Store gekauft habe sind für die Tonne. Und ich sags mal so: Das war nicht irgendein kleines Startup. Das war Sony. Wenn Sony fallen kann, dann kann auch Apple fallen.
Auch wenn es jetzt nicht den Anschein hat.

Wessen ich mir ziemlich sicher bin: Dateien und HTML beherrsche ich auch in 5, 10, 15 Jahren.

Und ein einem Punkt muss ich Dir noch – so halb widersprechen – was ich mit Heimweh versuche ist ja nicht zuletzt auch die Ersetzung eines Simplex Systems (Drupal) durch Text. Ich bin heute überzeugt, dass wir einen guten Teil der Komplexität, die wir in Simplex Systemen "verstecken" auch mit (fast) genau so viel Aufwand in gute (Fließ-) Texte packen können.

Das Semantic Weblog ist ein gutes Beispiel. Anstatt meine getypten Links in einer Tabelle zu pflegen kann ich sie auch einfach flux direkt unter die beiden Texte schreiben, die sie verknüpfen und obendrein gleich syntaktisch richtige Sätze bilden, die ein Mensch versteht.
Und ich glaube, dass sogar die Themenerläuterungen, die Du an Deinen Marginalienspalten hast, ohne erhebliche Aufwände in statischem HTML möglich sind. Sobald ich migrierte bin werde ich das ausprobieren.

Grundsätzlich aber hast Du gerade in d em Punkt der digitalen Heimat ziemlich recht. Eine ganze Reihe von Erfahrungen [Autismus der Social Networks, Festplatten Crash, Itunes-Ärger, Urheheberrechtsdebatte, Drupal7 usw.] haben mich in den letzten Monaten auf meine Digitale Heimat zurückgeworfen. Ich kann Xtree-Gold-Heimat nicht verleugnen. Dort bin ich in digitalen Systemen großgeworden, das ist mein primäre Perspektive auf meine digitalen Umgebungen.


Tamim Swaid am 2010-07-17

Also ihr beiden… ich glaube nur ihr versteht euch gegenseitig.
Konnexus, kannst mir mal auf der Zugfahrt deine Ergüsse erklären. Das war mir dann doch too much hier.


Konstantin am 2010-07-17

Sehr gern, Tamim. Aber sooo advanced ist das auch wieder nicht. Du wirst wahrscheinlich etwas enttäuscht sein nach meiner Erklärung. We'll see.


Benjamin am 2010-07-18

... nicht too advanced. Aber doch ein wenig zu wichtig, um so ausführlich erklärt werden zu müssen?!

Was ich sagen will:
Ich verstehe genau was du meinst. Ein großer Teil dieses "Heimweh" (nicht ben's Heimweh, sondern das allgemeine Heimweh) ist eigentlich auch ein alter Free-Software-Hut, der schon über 30 Jahre alt ist. Nämlich: Es ist eben doch ein Riesenunterschied zwischen "Free Beer" und "Free Speech".
Und mich stimmt es ein wenig traurig, wenn ich deinen Text so lese, dass wir (damit sind diejenigen gemeint, die diese Systeme gestalten und bauen) es immer noch nicht geschafft haben, dieses Thema der Freiheit besser und mehr Menschen zu erklären.


Konstantin am 2010-07-19

@Benjamin: Oh, in diese Richtung habe ich noch gar nicht gedacht. Kannst Du das ein wenig näher erklären? Meine Richtung war eher: Komplexität vs. Nachhaltigkeit, und das sowohl für freie wie für proprietäre Systeme.


Ben am 2010-07-19

Nebenbei: Titelthema im gedruckten Spiegel diese Woche: "Ich bin dann mal off".


Konstantin am 2010-07-19

Yo, hat Tamim auch schon am Samstag hier kommentiert. Hab mir heute morgen den Spiegel besorgt und bin grad am lesen.


Ben am 2010-07-20

Ich hab angefangen zu lesen, es aber auf der zweiten Seite dankbar abgebrochen, weil mein Handy geblinkt und gebimmelt hat. ;]


wolfgang am 2010-07-21

mal kurz ein einschub (muss ja weiterlesen...):

Dein iPhone 3G Problem könnte evtl. das hier lösen


wolfgang am 2010-07-21

Ok! Fertig...

Ich habe zwar das Gefühl, dass Konstantin etwas schreibt, dass ich unterschreiben könnte, aber irgendwie sträube ich mich dagegen!

Zum Anfang der PC-Zeiten gab es DOS und DOS war gut :). Ich weiß noch, wie ich Stunden, Tage, Wochen mit der Konfiguration meiner config.sys und autoexec.bat verbracht habe. Sukzessiv entwickelte sich das OS zu einem Mammut an Funktionen. Dennoch war es nie einfacher einen Drucker ans laufen zu bekommen als heute.

Ähnliches kann man über Kommunikation sagen. Zu Beginn des Telefons waren Wählscheiben das Eingabesystem der Wahl, wenn es ums Wählen ging. Heute geht das mit dem gesprochenen Wort.

Ein System, ein Algorithmus, kann nur dann dazu dienen etwas zu vereinfachen, wenn die Komplexität der Eingaben geringer ist als die Komplexität der Ausgabe. Will heißen: "Drupal wird komplexer, aber die Eingabekomplexität wird geringer!" (bzw. sollte es). Dies hat sich bei mir zu 100% mit dem iPhone bestätigt.

Auf dem Weg zur Heimat muss man sich eben auch entscheiden, wo will ich hin! Also so doof das auch klingt. Das Wörtchen "digitale" in "digitale Heimat" kann man auch anders deuten. Was ich heute Heimat nenne ist morgen dekrementiert. Statt eine allgemeingültige Heimat zu finden inkrementiere ich meine Wünsche, meine Erwartungen. Wir sind (im digitalen) nicht in der Lage eine Heimat zu finden, weil wir ständig den Zustand ändern. Die "analoge" Heimat dagegen ist ein Bereich, also ein (evtl. begrenzter) Raum in dem ich mich zu Hause fühle.

Um es auf den Kern von Konstantins Beschreibung zu bringen. Mein "Inhalt ist mein Inhalt" heißt für mich nicht, dass ich den direkten Zugang zum Resultat benötige. Ich bin damit zufrieden, wenn ich die gemachten Eingaben verwalten kann. Das ist der Grund, warum ich Facebook und Twitter nicht mehr nutze, iTunes dagegen schon.


Ben am 2010-07-21

@Wolfgang: Die DOS- und Telefonvergleiche sind bestechend gut, und beinahe hätte ich den Köder gefressen. Aber im rechten Augenblick fiel mir dann ein, wie oft ich inzwischen bei der Arbeit die Shell nutze. Früher hab ich nur mit dem Zend-Studio entwickelt. Aber es gibt eine Ebene unter dem Zend Studio, die man als guter Webentwickler zwar nicht beherrschen muss, die einem aber ein Mehr bietet. Graphische IDEs sind großartig, weil intuitiv. Sie können aber kaum mit einem Werkzeug wie dem VI oder dem Emacs mithalten, wenn man es in deren Beherrschung zur Meisterschaft gebracht hat, was zugegebener Maßen eine beachtliche Hürde ist.

Oder um etwas zu zitieren, was ich von Konstantin gelernt habe: Apple macht ein so gutes Betriebssystem, weil sie die Hardware darunter kontrollieren.


wolfgang am 2010-07-22

Appel und Hardware! Sicher. Das ist der Grund für den Erfolg des iPod/iPhones/iPad. Nicht umsonst wird Microsoft mit Windows Phone 7 den GLEICHEN weg gehen (spricht geregelte Hardware und eingeschränkten Zugriff in das Betriebssystem).

VI ist aber ein anderer Schuh. VI ist nicht mächtig! VI ist kompliziert. Ich habe während meines Studiums nichts anderes verwendet. Ich behaupte mal ich kenne 5% der Shortcuts! Die helfen mir heute mich in einer Linux-Kiste ohne GUI zurecht zu finden. Aber was währe ich froh, dort einen ordentlichen Editor nutzen zu können! Genauso verhält es sich mit emacs, also einem anderen Editor, auf den die eingeschworene Gemeinde Stein und Bein schwört, dass er der Beste unter der Sonne wäre!
Ich habe VI (eher VIM bz. GVIM) mal eine Zeitlang auf dem Windows verwendet. Leider ohne nachhaltigen Erfolg. Einfach zu ungelenkt, es gibt einfach bessere Editoren!

Wie Du schon sagst: "Die Lösung funktioniert nur für Dich". Ich sehe das so: Deine "Frustration" kommt ja nicht von Drupal (oder einem anderen System) selbst. Sie kommt aus dem Verlangen die Kontrolle über deine Werke, deine Medien zu gewinnen. Das kann ich nachvollziehen. Doch wird es auf lasten des Komfort gehen. Es ist eben einfacher ein paar Felder in einer Eingabemaske zu füllen, anstatt den HTML-Code jedes mal selbst zu schreiben. Auch mit XML-XSLT wird das nicht einfacher.


Ben am 2010-07-22

Also unbesehen sind Eingabe-Masken einfacher als HTML zu schreiben. Aber. Zum einen schreibe in in mein Drupal ja jetzt auch schon HTML rein, wenn ich Artikel schreibe. Und zum anderen wird das gar nicht soviel zusätzliches HTML. Ein paar Links. Und dafür kann man den Textmate ausgesprochen gut trainieren, das schön und handlich zu machen. Ich denke am Ende werde ich mit dem Textmate genauso schnell Artikel schreiben und veröffentlichen können, wie mit Drupal.


wolfgang am 2010-07-24

Ich bin wohl einer der wenigen MacBook besitzer, die Textmate nicht nutzen können ;)


Ben am 2010-07-24

Aber wiesu denn bluß, wiesu denn bluß?


pg_tip am 2010-07-24

"Simplexität" als Gegensatz zu Komplexität? Ist es da nicht simpler, "Simplizität" zu sagen, oder - Gott bewahre - das schöne, aber einfache deutsche Wort "Einfachheit"? ;)
Digitale Heimat? Ne, sorry, ist mir zu abstrakt. Heimat ist eine sinnliche und sinnstiftende Urverbundenheit, die mit dem, was ich auf einem Bildschirm betrachte, nichts gemein hat. Das Internet ist ein Kommunikationsmedium, das Menschen verbindet. Menschen!


Konstantin am 2010-07-24

@pg_tip: Was Heimat angeht, da widersprechen wir uns vielleicht gar nicht. Auch wenn der Titel des Artikels der Einfachheit halber "Digitale Heimat" heißt, ist es nur ein Aspekt der Heimat, die Du fühlst. Und Heimat, dieser "Ort", wo Du Dich nicht erklären musst, ist nicht auf Atome beschränkt. Wenn speziell für Dich das Digitale zu abstrakt ist, ist das natürlich Dein gutes Recht. Überdies habe ich "digital" gar nicht auf das Internet beschränkt. Ben geht es ja z.B. auch um Musik hören, hat erstmal nichts mit dem Netz zu tun.
Und warum "Simplexität" - na weil die heutigen Systeme gar nicht einfach sind. Sie erscheinen dem Benutzer nur als einfach. Ein Artefakt wie z.B. ein Hammer ist einfach. Ein CMS dagegen weniger, auch wenn es sich relativ einfach wie z.B. Jimdo bedienen lässt.


pg_tip am 2010-07-25

Digitale Heimat als Heimataspekt - mit dem Kompromiss kann ich leben :) Aber ein Hammer: höchst komplex. Da stecken 20.000 Jahre Entwicklung drin - deswegen ist das "User Interface" des Hammers mit dem "Use Case" verschmolzen.


wolfgang am 2010-07-29

Hammer ist ja auch nicht gleich Hammer ;)

@Ben: weil ich kein Mac OS nutze :(


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Apple Inc.

firma, die computer- und medientechnologie herstellt. ux-getrieben, begnügt man sich nicht mit der erstellung von software, sondern auch von hardware sowie der gestaltung gesamter (öko-)systeme, in denen die produkte eingebunden sind.

ben_

Geboren am gleichen Tag, nur 5 Jahre früher, ist der Demütige ein steter Kämpfer für Anmut und Demut.

digital

digitalität folgt nicht atomaren gesetzen: jede kopie ein original. kosten der reproduktion tendieren gegen null. und: bits sind keine atome, welche darauf beschränkt sind, zu einem bestimmten zeitpunkt nur an einem ort zu sein.

 
Facebook

Proprietäres, geschlossenes Social Network, das zur Zeit große Popularität genießt, nicht zuletzt wegen seiner einfachen Bedienbarkeit.

iPad

Nor fish nor fowl. Nor pc nor smartphone. And that's why it is perfect for leisure computing, child interaction, the cloud or couch commerce.

iPhone

das iphone ist das gerät mit dem intuitivsten user interface, was ich kenne, um tele-kommunikation zwischen zwei menschen zu ermöglichen. je intuitiver ein gerät, desto mehr werden menschen dafür geld ausgeben.

 
iPod

dieser mp3-spieler hat den musikkonsum revolutioniert. mein ipod der 4. generation brachte mir viele stunden tiefer freude.

iTunes

Ursprünglich ein Programm zur Verwaltung von Musik auf dem iPod, ist es längst Apples Tor zu Musik, Filmen, Serien und Apps. Ein Content-Lieferant, und Gelddruckmaschine obendrein.

Jef Raskin

Ein phänomenaler Vordenker von Benutzeroberflächen. In seiner Art sehr akademisch, hat er doch Grundsteine gelegt, von denen wir noch heute profitieren.

 
Marshall McLuhan

Was für ein erfrischend radikaler Medientheoretiker! Sein Buch "The Medium is the Message" ist eines meiner liebsten.

Einfachheit

Eine der Tugenden des Designers ist das Streben nach Einfachheit. Dies gilt insbesondere für die Benutzung von an sich komplexen Artefakten und Services.

Systeme

Systeme, insbesondere kybernetische Systeme, ist eines der Konzepte, die mein Leben prägen. Gerade in komplexen Systemen sind scheinbar unabhängige Aspekte miteinander verbunden.

 
User Experience

It is the holistic experience that a user has with a service or a product, integrating all media, artefacts and contexts.

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