Kuba Reisetagebuch
2010-10-08
Auf unserer Reise nach Kuba 2009 habe ich unregelmäßig ein paar Zeilen in mein Notizbuch gekritzelt. Abgehakt, zusammenhangslos, und doch ganz gut die Stimmung wiedergebend.
Marke ohne Substanz
29.05.2009, Havana
Die Hemmingway-Bar - wie eine Marke aufgeladen wurde, und jetzt keinen Wert mehr hat außer ihrer Geschichte. Die Bar, wie Hemmingway sie erlebt hat, gibt es gar nicht mehr. Aber: man erzählt noch darüber. Lieber selber Geschichte machen. Und die Tropicana-Show? Na wenigstens die Show als Wert ist da.
Botschafter des Kapitalismus
29.05.2009, Vinhales-Tal
Wir Touristen. Die wir das Geld mit uns bringen und verteilen. Wo wir hinkommen, da wächst und gedeiht es. Die Frage ist: was? Ihr habt Geld für eure Häuser, Gärten, Musik, Luxus. Und wir erfreuen uns daran. Oder? Ein wenig künstlich das Ganze. Ein kühles Lüftchen weht, wir sitzen im Schatten, geschützt vor der brennenden Sonne. Angenehm. Die Band hat schicke, saubere Klamotten an. Unser Geld ist das. Das Restaurant mitten im Nirgendwo. Überhaupt, dieses Tal, für das sich seit eh und jeh keiner interessiert hat. Und jetzt kommen wir. Und befruchten die Gegend. Das Leben sprießt. Und wir kümmern uns nicht. Wir essen euch euer Fleisch weg. Trinken euch eure Milch weg. Und ihr, unsere Bediensteten, schaut uns dabei zu. Wie traumatisiert muss man sein? Aber unser Trinkgeld lindert eurer Leiden. Das Allheilmittel, das immer nur temporär wirkt, euch aber für immer verändert. Willkommen in der kapitalistischen Welt, deren Botschafter wir sind. Und wir sind fröhlich, lachen. Weil wir im Urlaub sind. Denkt nicht, dass wir immer so sind, für euch sind wir es aber immer. Was für uns temporär ist, scheint für euch permanent. Wir sähen den Kapitalismus in eure Herzen. Wir geben der Sängerin Trinkgeld, und die Band zieht weiter, zum nächsten Tisch. Ihr lernt so schnell.
Zwei Währungen
31.5.2009 Santiago de Cuba
Wir sind fast völlig getrennt von den Einheimischen, durch die beiden Währungen. Die Kommunikation über Transaktion funktioniert nicht. Dabei habe ich das so gut gelernt. In China war das die Dialogform #1. Kein einziges Wort chinesisch können, aber durch Kaufen immerhin mit den Einheimischen interagieren. Hier geht das - ja - nur durch's Schenken? Oder Kram kaufen, den man nicht braucht, auf dem Markt. Und nährt sich durch diese zwei Währungen zwischen nur? Der Staat.
Luxus statt Basics
Kuba ist ein verrücktes Land, in dem das belohnt wird und gedeiht, was Luxus ist: Musik und Kunst. Es sind nicht die Landwirtschaft oder die Industrie. Es ist nicht der Beruf des Arzes oder des Ingeneurs. Es ist das Flüchtige, das Gefühlvolle, es ist alles, was Lebensfreude ausdrückt. Und es ist ihr Verkauf. Es ist ihre Vermarktung. Und es ist das genussvolle Vergnügen des Ganzen. Sich als Tourist den Bauch vollschlagen wird im Land belohnt. So war das doch früher bei den Zuckerbaronen. So war das später bei der US-Mafia. Und so ist es jetzt bei uns Touristen. Scheiss Schichten- und Klassenunterschied. Schönes Leben. Schöne Scheiße.
Visueller Umweltschutz
Kuba macht visuellen Umweltschutz. Keine Werbung weit und breit. Reine Erholung. Nur diese albernen Revolutionsplakate, die sind Kulisse.
Befreiung vom Besitz
Die Kubaner geben Dir die Gelegenheit, dich von deinem Besitz zu befreien. Und von deinem Geld, deinen Klamotten, deiner Seife. Dann kannst Du endlich glücklich sein. Und auch sie glücklich sehen. Solange Du gibst.