Blogs als Generationsbrücken

 

Die jetzige Generation darf dankbar sein, wenn die Eltern bloggen bzw. irgendwie archivieren/festhalten.

Zitat von fym aus diesem Chat:

fym: Das größte Problem beim Heimweh, Blogracer und meinem Geschreibsel sehe ich derzeit eigentlich beim Blick in die Vergangenheit. Meine besserbeste Hälfte meinte letztens ganz richtig beim Betrachen von ben_s und deinem Blog: "Wie komme ich an ältere Sachen?" Nebenbei: Sie konnte sich an den @A-Bildern nicht satt sehen ;) "Oh, ist der knuffig!" klingelt mir noch in den Ohren. Also, Konstantin: A job well done ;) Momentan kommt man ja noch durch die Terms eingeschränkt auf ältere Sachen. Reicht ja erstmal

Konstantin: hihi. @A - ich hab tonnenweise neue. aber ich wollte ihn nicht mehr so prominent ins blog stellen. vielleicht wird er mir das übel nehmen, dass ich seine privatsphäre verschleudere ohne ihn zu fragen. wenn zu seiner zeit es überhaupt sowas wie privatsphäre geben wird.

fym: Du, ich hab das letztens schon neidvoll überlegt. Ich finde, die jetzige Generation darf dankbar sein, wenn die Eltern Bloggen bzw. irgendwie archivieren/festhalten. Siehe "Sich selbst festhalten.":. Stell dir vor, unsere Eltern hätten ein Blog führen können - über die Jahre hinweg, mit allen medialen Möglichkeiten. Ich fände das unheimlich reizvoll, wundervoll und bedeutsam. Hm.

K: danke für den artikel! ja, darüber denke ich auch nach. was wird @A dazu sagen? wird er sagen "mein vatter war cool?" wird er sagen "oh mann, total veraltet?" wird er sagen "so viel unbrauchbares zeug, stattdessen hätte er mehr zeit mit mir verbringen sollen"? vielleich alles zusammen, je nach dem, wie alt er ist.

fym: Spätestens ab einem gewissen Alter wird er für die (vielleicht für ihn vorhandenen) Einblicke dankbar sein.

K: vielleicht wird er gehänselt von seinen mitschültern, weil sein vater xy geschrieben hat.

fym: Eben, es ist ein Dokument, dass mit der Zeit geschätzt würde. Davon bin ich fest überzeugt, das merke ich an mir. Ich hätte gerne einen solchen Einblick. Und darum beneide ich die kommenden Generationen.

K: ich habe vor kurzem ein buch meines urgroßvaters in die hände bekommen. er beschreibt darin die vertreibung aus der ukraine nach sibirien, das leben in sibirien und kasachstan, die kriege, den gefängnisaufenthalt und das arbeitslager. er schrieb es per hand auf deutsch in fraktur. ich hab meinen ohren nicht geglaubt, als ich von meiner oma vor nem monat gehört hab, dass es so ein buch gibt. ich meine - erst jetzt erfahre ich das. und keiner meiner elterngeneration ist auf die idee gekommen, das ding mal zu digitalisieren, aus vorsicht, dass das buch kaputt geht.

fym: Guck, so ein Zeugnis in der Hand haben zu können... ich finde das einfach unglaublich schön. Etwas, worüber man glücklich sein kann, worüber man sich unendlich glücklich schätzen muss. Ich weiß beispielsweise nur, dass meine Großeltern vertrieben wurde, aber genaueres? Nix. Entweder sie haben nie darüber geschrieben oder sie haben es mündlich weitergegeben und es ist für mich und meine Schwester verloren

K: richtig. davon ging ich ja bis dato auch aus.

fym: Ich beneide die jetzige Generation einfach darum. Und ich glaube, am Ende steht niemals Kritik an Privatssphäre oder dergleichen, sondern Dankbarkeit. Irgendwann. (Mal davon abgesehen, dass ein Blog als solches ja auch nicht öffentlich sein muss. Lokale Privatssphäre, so man denn will.)

K: darüber, dass (m)ein blog nicht öffentlich sein muss, habe ich auch schon nachgedacht. und privazität auch ausprobiert. ist aber was ganz anderes. ist halt richtiges tagebuchschreiben. mir fehlt ihr dann. mir fehlt der diskurs. mir fehlen die kommentare, die anregungen.

fym: Ich denke, dass man gerade die Öffentlichkeit ein Stück weit Motivation und Antrieb liefert. Ich weiß nicht, ob man im Privaten den Antrieb dermaße aufrecht erhalten könnte. Dafür müsste man schon sehr konsequent und vor allem diszipliniert sein. Jap.

K: ich habe zweierleih festgestellt:

fym: Das ist ja die kleine, ganz und gar unidealistische Wahrheit, die man als solcher nicht gerne hört: Schreiben um des Schreiben willens ist eben immer auch mit dem Wunsch nach Rezeption verbunden. Sollte nicht so sein, ist es aber. Und das ist auch gut so, im Grunde.

K: 1. man ist wesentlich direkter und ehrlicher, auch mit sich selbst. vieles schreibe ich ja öffentlich gar nicht auf. 2. ich verliere an wertschätzung den einträgen gegenüber. so als ob eine stimme in mir mir immer lauter sagt "ist doch egal. ist doch eh unwichtig". richtig, Marurice. mit ein wenig oder mehr eitelkeit gemischt. ist aber ok.

fym: Vielleicht kann man es auch so ausdrücken: Die Öffentlichkeit bietet ein passgerechtes Gegenstück zur eigenen Faulheit, zur Normalität des Alltags mit all seinen Sorgen und Vorgängen. Wie du schreibst: Nur für sich selbst, nimmt die Motivation oder der Antrieb aufgrund der Umstände wohl schneller ab. Wenn die Texte jedoch publiziert werden, ist das ein Gegenstück. Kann es zumindest sein.

K: ja. Ach. bei gelegenheit setze ich mich hin und mache aus unserem chat einen artikel :-)

fym: hehe Dann muss ich zum Abschluß ja noch etwas Tiefsinniges, etwas Ergreifendes schreiben, oder? Hm. "Sit, Ubu. Sit! - Good dog." ;) So, wollte eigentlich schon vor 40 Minuten außer Hauses sein. Vor der Arbeit noch Wege erledigen. Aber das war wie immer ein willkommener Grund später dran zu sein, Konstantin :)

K: :-) mach's gut, bis zum nächsten chat

fym: Bis denne :)

Comments:

ben_ am 02.11.2010

Wie kuhl seid ihr denn bitte?! Ich bin ja inhaltlich voll auf Fyms Seite, wenn es denn überhaupt gibt. Was wir hier tun ist ja keine richtige Öffentlichkeit. Es ist ja ein quasie privater Raum. Hidden by Obscurity. Und ich glaube auch, dass die nachfolgende Generation dankbar sein wird. Und der Grund dafür ist auch denkbar einfach und ich hab ihn schon drölfmal runtergebtet: Jede neue Generation gibt der Welt das Gefühl der Normalität zurück. Wenn Du bloggst, Konstantin, dann wird es für @A nomal und gut und schön sein und er wird später mit Freude darauf zurückschauen, weil es ihn an seine schöne Kindheit erinnern wird.


wolfgang am 04.11.2010

Da drüber grübel ich jetzt auch schon seit Tagen. Veröffentliche ich "private" Einträge? Ich meine, solange es tolle und berichtenswerte Dinge sind, macht das ja vielleicht Spaß, aber was ist mit unbequemen Dingen? Nicht unbequem für anderen, sondern für mich. Ich habe Sie aufgeschrieben, weil ich es in mein Tagebuch geschrieben hätte. Ich habe es aufgeschrieben, weil ich denke, dass es meinen Kindern und Kindeskindern hilft mich besser zu verstehen, weil ich es schade finde, dass ich über meine Großeltern nur weiß, was ich erinnern kann. Ich kann nichts nachlesen. Das soll bei meinen Kindern anders sein. Aber benötige ich dafür öffentlichkeit? Andererseits hilft mir das öffentliche verbreiten wirklich dabei, überhaupt etwas zu schreiben (auch wenn es gefühlt niemand liest)...


schwesterchen am 04.11.2010

es wundert mich gar nicht, dass ihr hier einhellig der meinung seit: wir bloggen für uns und für unsere kinder. jaaaa, die blogger....

  1. glaube ich nicht, dass kinder im nachhinein veraltete blogeinträge nachlesen werden, um ihre eltern (also euch) besser kennenzulernen. stichproben machen - ja, aber ich glaube nicht, dass es ein großes interesse geben wird, zummindest solange diese person lebt (also ihr). dazu steht zuwenig persönliches und zuviel technisches in diesem blog. eure enkel, die schon eher.

  2. ja, das mag jetzt sehr altbacken klingen, aber in der vergänglichkeit eines jeden besteht doch gerade der reiz! ich möchte von meinen kindern und enkeln in erinnerung bleiben, aber die darauffolgende generation wird mich vergessen haben. so what?! wieso diese affinität alles schriftlich festzuhalten. ich habe zum beispiel nur eine kleine kiste, darin befinden sich gegenstände mit denen ich erlebnisse verbinde. wenn ich tot bin, kann keiner mehr etwas damit anfangen, also ab in den müll oder man kreirt seine eigene geschichte dazu. manchmal sagt ein gegenstand auch mehr aus als zehn seiten tagebucheintrag.

ich treibe das jetzt auf die spitze, aber so wie ihr das bloggen interpretiert, ist es (abgesehen vom infoaustausch) das konservieren eurer persönlichkeit und erlebnisse. meineserachtens ist es blos eine art informationsaustauschbörse mit einigen weinigen tagebucheinsprängseln. ob eure kinder in dieser infomasse sich tatsächlich auf die suche nach euch machen werden???


Konstantin am 08.11.2010

@schwesterle: Danke für Deine Kritik. Da ist in der Tat etwas dran. Ich würde es aber nicht so schwarz sehen. Natürlich werden meine Kinder oder Enkel keinen Bock haben, alles zu lesen. Deswegen pflege ich hier im Blog schon seit langem die Verschlagwortung von Artikeln. Deine Worte zeigen mir, dass ich mehr Zugang zu z.B. Tagebucheinträgen machen muss. Also habe ich damit angefangen:

  1. Ich habe ein Lexikon angelegt. Dort sind alle Themen aufgelistet, denen ich nicht gleichgültig gegenüberstehe. Das sind aber immer noch recht viele, deshalb:
  2. Auf der Startseite habe ich unten die "Schwerpunkte" meines Schreibens aufgeführt. Sie haben ihren Ursprung in einem Gespräch mit ben_. Ich hoffe so kann ich den Zugang erleichtern.

Das, was den @A wahrscheinlich am meisten interessieren wird, sind die Themen @A und Leben.

Was mir jetzt noch fehlt ist, dass bei einer Themenseite auch alle Artikel aufgelistet werden, die zu Unterthemen geschrieben wurden. Ist aber nur eine Frage der Zeit und des Fleißes, bis ich das programmiert habe.


schwesterchen am 08.11.2010

@ kon:

da sage ich nur "babene". schön, das freut mich. übrigens wäre ich auch erfreut mal wieder den kleinen pu im blog zu sehen.


fym am 08.11.2010

@ schwesterchen: Ähm, bei dem Chat da oben ging es (zumindest mir) nicht darum, irgendeinen Grund des/für's Bloggen zu postulieren. Überhaupt nicht im Entferntesten. Es ging mir lediglich um den Gedanken, was der Umstand ein Blog zu führen und damit einhergehend Texte so gut es nur irgendwie geht womöglich zu konservieren, für die eventuelle Nachkommenschaft bedeuten kann. Tagebücher going digital. Nicht mehr, nicht weniger.

Abgesehen davon: Selbst wenn es eine "Informationstauschbörse" wäre - Niederschrift ist Niederschrift ist Niederschrift ist... Text ist Text und damit so gehaltvoll oder -los, wie jeder andere.


Comment form here

Topics:

Blogging

das schreiben ins netz, meist von einer privatperson. die artikel sind zeitlich orientiert und meist an aktuelle ereignisse geknüpft. ich blogge höchst unregelmäßig in schüben von ein paar monaten, angefangen in 2001.

@A

Er ist mein Sohn.

privacy

ich würde nicht sagen, dass privatsphäre mir heilig ist. aber ich halte sie in manchen bereichen sinnvoll.

 
Generationen

Wie werden Wissen, Erfahrung und Werte zw. Generationen weitergegeben? Wie macht die Natur mit jeder Generation rein Tisch?

fym

fym schreibt das nichts. er ist ein netz-freund von ben_.

Tags: