Prinzipien für Daten im Netz

 

Wenn ich mir aussuchen könnte, wie Daten allgemein im Netz abgelegt sind, hätte ich ein paar Eigenschaften als Wunsch.

Zunächst einmal: Von welchen Daten spreche ich? Für mich sind es vor allem Texte und Bilder, Video und Audio. Weniger irgendwelche Statistiken und Tabellen. Für mich interessant sind in erster Linie festgehaltene Geschichten, weniger Warenhaus-Datenbanken.

Hier sind die Prinzipien, die mir am Herzen liegen:

  1. Die Daten liegen offen und können durch eine URL erreicht werden. Sie werden plain im Browser angezeigt. Wir Menschen können sie leicht lesen und verstehen. Wir können sie kopieren nach Belieben weiterverwenden.

  2. Die Daten sind wiederverwendbar. Wir können darauf verweisen, statt sie zu kopieren. Wenn wir die Daten auf unsere Websites stellen, können wir sie von ihrem Ursprung aus ziehen. Die Daten sind auch verwendbar durch Maschinen, nicht nur durch Menschen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad.

  3. Die Daten sind langlebig. Sie sind leicht zu öffnen und zu speichern. Lokal oder irgendwo sonst. Sie sind leicht zu migrieren. Auch in 20 Jahren. Sie sind nicht gebunden an ein System. Sie sind nicht gebunden an ein Programm.

  4. Die Daten lassen sich auf ihren Ursprung zurückführen. Man kann sehen, wer ihr Autor ist. Ihre Quelle ist bekannt und für jeden ersichtlich.

  5. Eine freie Lizenz (GPL, Creative Commons etc.) fehlt hier noch. Die ganzen anderen Prinzipien nützen nichts, wenn Datenzugang von Rechteinhabern oder Monopolen künstlich verknappt wird. (Ergänzung von n¦tropie)

Technisch und strukturell gibt uns das Netz gute Voraussetzungen genau dafür. Wir müssen wie nur (weiterhin) nutzen.

Comments:

ben_ am 2011-12-22

Kennst Du eigentlich Ted Nelsons Xanadu?


Paul am 2011-12-23

Xanadu. Ja klar. Kenne ich, aber ich hätte nie daran gedacht. Schön, dass man sich auch noch ein halbes Jahrhundert später auf die selben Prizipien besinnen kann.


Wolfgang am 2011-12-23

Schön, dass das mal jemand für mich formuliert hat ;)

Du hast damit nämlich formuliert, was ich als Grundlage für mein Publishing-System angedacht hatte... und weshalb ich noch nicht wirklich begonnen habe es zu schreiben...


ben_ am 2011-12-23

Also ganz abgesehen davon, dass man "verweisen statt kopieren" nie verhindern können wird, ist Xandadu ja gescheitert, eben weil es für die Rückverfolgung und Eindeutigkeit eine zentralistischen Ansatz braucht.

Überdies gab es von anfang an auch das Konzept, dass der Webbrowser nicht nur Lesegerät sondern zeitgleich auch Schreibgerät sein soll. Mosaic (der erste Browser), Amaya (der Browser des W3C) und sogar Mozilla Autorenfunktionen in ihrer Anwendung hatten.

Wenn ich Deine Wünsche so lese, dann würde ich fast sagen: XML ist DEIN Datenformat evtl. noch XHTML und Mozilla war DEIN Browser.

Davon auch wiederum abgesehen, existieren die dafür notwenigen Standards ja sogar bereits: Xlink ist seit 2001 eine Recommendation, Xpath sogar schon seit 1999.

Du siehst, Du bist nicht allein mit Deinen Wünschen. Das tragische daran: Nichts aber auch gar nichts davon hat sich im Alltag des Netzes bewährt. Xanadu, Mosaic, Amaya, XML, XHTML, Xlink, Xpointer … alles vollständig und umfassend gescheitert.

Ich glaube ich weiß sogar warum: Das Netz ist ein lebendiger Kulturraum, am ehesten vergleichbar mit Sprache. Klar, wir haben Grammatiken und Orthographie, die beschreiben, wie man richtige Sätze bildet, aber im Alltag … wenn Du in der Bahn oder im Bus mal zuhörst, wie die Leute reden, was sie mit Sprache machen, dann siehst Du, dass die Grammatik und Orthographie nur ein trauriger Versuch sind, Strukturen in etwas zu erkennen, dass eigentlich ein Chaos ist.

Und soll ich Dir was sagen: Ich glaube, das ist sogar gut so. Wir sollten mehr von diesem Chaos im Netz möglich machen.


n¦tropie am 2011-12-23

Das wichtige Prinzip einer freien Lizenz (GPL, Creative Commons etc.) fehlt hier noch. Dann geht nämlich auch Chaos viel besser. Die ganzen schönen und sehr richtigen anderen Prinzipien nützen nichts, wenn Datenzugang von Rechteinhabern oder Monopolen künstlich verknappt wird. Und das ist eine Komponente, die immer wieder vergessen wird, weil es eben einfacher ist, nur an Technik und Struktur schrauben.


Konstantin am 2011-12-27

Danke für Eure Kommentare. Sorry, dass ich erst jetzt darauf antworte. Festtage haben die angenehme Eigenschaft, Freizeit und doch Beschäftigung zu sein. Mit schönen Dingen.

@ben_: Xanadu. Davon habe ich gehört, und auch mal angefangen zu lesen. Als ich aber sah, dass das Grundkonzept zentralistisch war, hab ich schnell wieder aufgehört. Vielleicht lohnt sich eine erneute Beschäftigung.

@Wolfgang: Auch wenn Du nicht begonnen hast zu coden - schreib doch über das System! Was treibt Dich an, ein (neues) zu machen? In wiefern wird es anders sein als die bestehenden?

@ben_: XML&Co ist nicht meine Welt. Klar, die Sprache ist super. Sie ist eindeutig, und kann vielfältig eingesetzt werden. Aber ich sehe sie als Sprache von Maschine zu Maschine. Sie ist so schwer für den Menschen zu lesen (nicht: zu entziffern). Ich wundere mich immer noch, wie Du in Heimweh HTML geschrieben hast. Deinen Gedanken um Chaos finde ich gut und richtig. Deshalb will ich gar nicht so viel vorgeben, was innerhalb einer Informationseinheit passiert.

@ntropie: Recht hast Du. Völlig. Deshalb ist der Punkt oben ergänzt.


ben_ am 2012-01-04

Wenn Du XML für nicht tauglich hälst, fürchte ich, dass Deine Prinzipien eher utopisch, oder doch zumindest sich wiedersprechend sind, denn Du brauchst nicht nur eine Ausdrucksmächtigkeit sondern auch Präzision … eines von beiden wirst Du wohl aufgeben müssen …


Comment form here

Topics:

Internet

Das Internet kann eine Überbrückung unseres Raum-Zeit-Verständnisses sein.

web

das netz ist eines der phenomäne, die mein leben so spannend machen. es verändert mein denken. und es verändert mein handeln.

Tags: